N A V I G A T I O N
 unser Verein
 Projekte - Aktionen
 Presse-Artikel
 Stadt und Land
 Verschiedenes
 

Transformation:
Von der Planwirtschaft zum freien Markt



Nach den dramatischen Ereignissen der Jahre 1989-1991 hatte Litauen zwar die staatliche Souveränität errungen, doch die Ökonomie stand noch ganz im Zeichen der 50 Jahre staatlich gelenkter Wirtschaftsentwicklung.
Erst während der Sowjetperiode kann wirklich von einer Industrialisierung Litauens gesprochen werden; die erste Republik war in ökonomischer Hinsicht noch deutlich agrarisch geprägt.
40 Prozent der Unternehmen waren allerdings als AIl-Unions-Betriebe klassifiziert, was auf ein besonderes Problem hinweist: Die enge Verflechtung mit der Sowjetunion stellte eine zusätzliche Erschwernis für die wirtschaftliche Transformation dar.
Litauen entschied sich für einen graduellen Weg der Systemtransformation, um die sozialen Kosten möglichst gering zu halten.
Das alte System wollte man nicht zerstören, ohne zugleich neue Strukturen aufgebaut zu haben.
Die zukünftige Wirtschaftsordnung sollte auf freier Marktwirtschaft basieren, wobei der Staat eine starke soziale Komponente sicherzustellen hatte (Wohlfahrtsstaat *6*).

Einen Schlüsselbereich stellt die Privatisierung dar.
In Litauen stand dabei zunächst die Bodenreform im Mittelpunkt.
Die Probleme waren auf administrativer Ebene gewaltig, denn das Land sollte den ehemaligen Besitzern bzw. deren Erben entweder zurückgegeben oder eine Abfindung gezahlt werden.
Zunächst konnte man nicht mehr als 50 ha erwerben, bis schließlich durch mehrere Nachfolgegesetze die Parzellengröße bis auf 150 ha angehoben wurde.
Mehr als 80 Prozent des Landes befinden sich nunmehr wieder in privater Hand, wobei sich in den letzten Jahren ein Effekt zeigte, der zukünftig negativ zu Buche schlagen kann: Zwischen 1994 und 1996 sank die Durchschnittsgröße der landwirtschaftlichen Betriebe von 8,5 auf 7,6 ha, was die Konkurrenzfähigkeit dieser Betriebe bei einem EU-Eintritt in Frage stellen dürfte.
Die Privatisierung der staatlichen Betriebe erfolgte zunächst über Privatisierungsgutscheine.
Jeder Bürger konnte einen solchen Investitionsscheck erhalten, wobei auch der Gedanke mitspielte, allen Staatsangehörigen gleiche Startmöglichkeiten in die neue Zeit zu verschaffen.
Erst 1995 (faktisch erst ab August 1996) begann die zweite Phase, die nun in- und ausländischen Investoren den kompetitiven Zugriff auf die großen staatlichen Betriebe ermöglicht.
Ein abschließendes Urteil über den Prozess ist derzeit noch nicht möglich; quantitativ beträgt der Anteil der Privatwirtschaft inzwischen mehr als 80 Prozent, wobei allerdings darauf hinzuweisen ist, dass diese Zahl auch viele neu gegründete Betriebe und Unternehmen umfasst (*7*).

Im Sommer 1993 führte Litauen den Litas als Landeswährung ein.
Um die Konvertierbarkeit zu sichern, wurde die Landeswährung durch ein “currency board” fest an den US-Dollar gebunden (4 Litas = 1 US $), was Spekulationen verhindern half und eine restriktive Finanzpolitik gestattete.
Allerdings führt der fixe Wechselkurs zu einem Defizit in der Leistungsbilanz, so dass sich der Ruf nach einer Freigabe der Währung in letzter Zeit verstärkte.
Von Regierungsseite wurde jüngst bestätigt, dass innerhalb der nächsten zwei Jahre eine Auflösung des “currency board” geplant sei (*8*).
Die Reform des Geld- und Finanzwesens erlitt Ende 1995/Anfang 1996 einen herben Rückschlag, als kurz hintereinander einige der größten litauischen Geschäftsbanken zusammenbrachen und viele Litauer ihre Einlagen verloren.
Die Krise eskalierte in einen Regierungsskandal, dem schließlich der damals amtierende Ministerpräsident Adolfas Slezevicius zum Opfer fiel (*9*).
Inzwischen hat sich die Lage, nicht zuletzt aufgrund der positiven Trends der letzten Jahre, wieder konsolidiert.

Die ersten Jahre nach 1991 brachten einen dramatischen Einbruch in allen Wirtschaftbereichen: Allein 1992 fiel die Produktion im Vergleich zum Vorjahr um 51,6 Prozent, die Inflationsrate lag in diesen Jahren zwischen 20 und 30 Prozent.
Liberalisierung und Privatisierung führten zeitgleich zu einem rapiden Anstieg von Mieten und Nebenkosten, so dass das Land in eine tiefe Krise geriet.
Noch 1993 fiel das Bruttoinlandsprodukt gegenüber 1992 um 30 Prozent!

1994 zeigten sich erste Hoffnungsschimmer; inzwischen ist von einer anhaltenden wirtschaftlichen Erholung und konstantem Wachstum auszugehen.
Im Jahresdurchschnitt 1997 blieb die Inflationsrate erstmals unter 10 Prozent, was - verbunden mit Lohnerhöhungen - zu einer deutlichen Entlastung der litauischen Privathaushalte führte.
Auch eine Konsolidierung des Staatshaushaltes ist in den letzten Jahren erreicht worden.

Als Gesamtindikator der Situation kann das Bruttoinlandsprodukt (BIP) angesehen werden, das 1996 um 4,2 Prozent und 1997 um 6 Prozent stieg (1998 geschätzt: 8 Prozent).
Die Wachstumsdynamik ist unverkennbar, zumal die Anteile des privaten Sektors am BIP sehr große Zuwachsraten aufweisen (1992: 37 Prozent; 1996: 68 Prozent). Private Betriebe dominieren inzwischen den Handel und die Landwirtschaft; 70 Prozent der gesamten Agrarproduktion werden auf privatem Land erzeugt (*10*).
Die ökonomische Abhängigkeit von Russland wurde massiv abgebaut.
Zwar ist Russland sowohl im Import als auch im Export weiterhin der Haupthandelspartner Litauens, doch bereits an zweiter Stelle der Ausfuhrländer steht die Bundesrepublik.
Westliche Direktinvestitionen werden in den nächsten Jahren weiter zunehmen, da sich das Investitionsklima deutlich verbessert hat.

Zwar bleiben noch viele Aufgaben im politisch-administrativen Bereich (etwa Abbau der Schattenwirtschaft, Reform der Steuererhebung, Zollgesetzgebung, Ausbau der Infrastruktur usw.) zu lösen, doch ist offensichtlich, dass Litauen die schwierigste Phase der ökonomischen Umgestaltung hinter sich gebracht hat.
Statistisch scheint die Talsohle durchschritten, doch ist die weitaus wichtigere Frage, welche Wirkungen die Transformation auf die Bevölkerung hat.

(*6*) Vgl. Tomas Bartusevicius, Probleme der Systemtransformation am Beispiel der Wirtschaft der Republik Litauen, in: Litauisches Kulturinstitut (Hrsg.), Jahrestagung 1993, Lampertheim 1994, S. 53 ff.

(*7*) Angaben nach United Nations Development Programme (Hrsg.), Lithuanian Human Development Report 1997. Quelle: www.undp.It/HDR/1997; Frankfurter Allgemeine Zeitung Informationsdienste (Hrsg.), Baltikum Hauptbericht April 1998, Frankfurt a.M. 1998, S. 20 ff.

(*8*) Vgl. Bericht der Weltbank, in: Lithuania www.worldbank.org.

(*9*) Vgl. Joachim Tauber; Politik und Gesellschaft in Litauen 1995/96: Politische Normalität - soziale Defizite, in: Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien (Hrsg.), Der Osten Europas im Prozess der Differenzierung. Fortschritte und Misserfolge der Transformation, München u.a. 1997, S. 117 f.

(*10*) Vgl. Anm. 7.
W E I T E R
zum nächsten Kapitel