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Die
sozialen Folgen der Transformation
Im Jahre 1996 begingen von je 100000 Litauern 46 Menschen Selbstmord
- eine der höchsten Selbstmordraten in der Welt (*11*).
Auch wenn die Motive für eine solche Tat sicherlich vielschichtig
sind, so weist der massive Anstieg seit 1990 doch auf die schwierigen
Lebensbedingungen großer Teile der Bevölkerung hin.
Mit der hohen Inflation und den steigenden Preisen konnte das
Lohnniveau trotz der positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
der jüngsten Zeit nicht Schritt halten.
Allein der Brotpreis stieg zwischen 1993 und 1995 um 135 Prozent.
Besonders schmerzhaft für die Bevölkerung sind die inzwischen
hohen Wohnungs-Nebenkosten.
Heizung, Elektrizität und Wasser zehren große Teile des Monatseinkommens
auf (*12*).
Für eine vor kurzem noch sowjetisch-paternalistisch ausgerichtete
Gesellschaft sind dies neue, schmerzhafte Erkenntnisse, die die
Erfahrungen mit der Systemtransformation in bestimmender Weise
prägen.
Als wichtigstes Problem sehen daher auch 77 Prozent der Litauer
den Rückgang des Lebensstandards an, 72 Prozent halten es für
die bedeutendste Aufgabe des Staates, materiellen Wohlstand zu
garantieren (*13*).
Dabei zeigt sich immer mehr ein Auseinanderklaffen innerhalb der
litauischen Gesellschaft.
Während diejenigen, die im privaten Sektor tätig sind, in der
Regel mit der Entwicklung zufrieden sind, gibt es klare Verlierer
des Systemwechsels: Zu ihnen zählen die Rentner, die Landbevölkerung
und Angestellte des öffentlichen Dienstes.
Deutlich wird dies, wenn man den Durchschnittslohn im Banken-
und Finanzwesen (1471 Litas) mit dem in der Landwirtschaft (279
Litas) vergleicht (*14*).
Der hohe Lohnunterschied belegt die derzeit unausgewogene Einkommensstruktur
und die damit verbundenen sozialen Folgen in drastischer Weise.
Das reformierte Sozialsystem steht bereits heute am Rande seiner
Belastbarkeit.
Für sozialpolitische Maßnahmen existiert daher nur ein eng begrenzter
Spielraum, der zu Recht für Rentenanhebungen genutzt wird.
Auch wenn die offiziellen Arbeitslosenzahlen ein relativ niedriges
Niveau ausweisen (1997: 5,6 Prozent) (*15*), belasten auch sie
das Sozialsystem in zunehmendem Maße.
Im Bildungswesen zeigen sich inzwischen Auswirkungen in besonders
deutlicher Weise.
Da Pädagogen zu den am schlechtesten bezahlten Arbeitnehmern zählen,
ist die Abwanderung in den privaten Sektor (z.B. als Dolmetscher
oder Reiseleiter) eine verlockende Alternative.
Daher sind insbesondere Lehrkräfte für westeuropäische Sprachen
inzwischen schwer zu finden.
Rund ein Drittel der Studienabgänger strebt von vornherein nicht
an, in den Schuldienst zu gehen (*16*).
Die strikte Haushaltspolitik verhindert eine rasche Besserung
der Lage.
Zwar wurden in den letzten Jahren Löhne und Pensionen kontinuierlich
erhöht, doch reicht dies längst noch nicht aus, um großen Teilen
der Bevölkerung - einen wenn auch niedrigen - Lebensstandard zu
sichern, den sie zur Sowjetzeit genossen.
Die Lage hat sich allerdings durch die Konsolidierung seit etwa
1996 entspannt: Durch die niedrige Inflation schloss sich die
Schere zwischen Einkommen und Preisen etwas (*17*).
Die Unzufriedenheit mit dem Einkommen in staatlichen Diensten
führt dazu, dass Korruption weit verbreitet ist.
Obwohl alle litauischen Regierungen der Bestechlichkeit den Kampf
angesagt haben, ist dem Übel wohl nicht allein durch administrative
Maßnahmen beizukommen.
Die hohe Anfälligkeit staatlicher Bediensteter für private Zuwendungen
ist auf deren soziale Lage zurückzuführen, wobei auch die alte
Sowjetmentalität eine Rolle spielt.
Unter diesen Umständen kann sich ein Vertrauen der Bevölkerung
in die Verwaltung nicht einstellen; nur 2 Prozent der Litauer
sind stolz auf ihre Regierung und nur 37 Prozent halten sie für
vertrauenswürdig (*18*).
Dass die Geduld der Menschen inzwischen erschöpft ist, zeigte
sich jüngst im Fall der litauischen Telefongesellschaft.
Als bekannt wurde, dass für die bislang kostenfreien Ortsgespräche
Gebühren erhoben werden sollten, kam es zu den größten Massenprotesten
in Litauen seit der Unabhängigkeit (*19*).
Schließlich wurde sogar das Parlament zu einer Sondersitzung einberufen,
und alle politischen Parteien gaben ihre Stellungnahme zum Telefonstreit
ab.
Besonders bedenklich war, dass die Tariferhöhung im Zusammenhang
mit der Privatisierung der litauischen Telefongesellschaft stand.
Man glaubte, ein übles Spiel zwischen Regierung und den Käufern
der Lietuvos Telekomas zu erkennen, das auf Kosten der Bevölkerung
ausgetragen wurde.
Die Demonstrationen wandten sich daher nicht nur gegen die Erhebung
einer Gebühr für Ortsgespräche, sondern auch gegen die Privatisierung
der Telefongesellschaft.
Der stellvertretende Parlamentspräsident meinte sogar, sicherlich
sei die geplante Maßnahme nicht populär, aber es gebe keinen anderen
Weg, wenn Litauen in die Europäische Union aufgenommen werden
wollte (*20*).
Unter dem öffentlichen Druck wurden schließlich Tariferhöhung
und Privatisierung der Telefongesellschaft aufgeschoben.
Der Vorfall zeigt aber auch, dass die litauische Gesellschaft
sich in den vergangenen acht Jahren in vielfacher Hinsicht verändert
hat.
Die Öffentlichkeit hat inzwischen ihren Platz in der politischen
Kultur Litauens gefunden.
Das hohe Interesse an der Politik (*21*) resultiert auch aus der
Presselandschaft.
Die litauischen Zeitungen haben mit investigativem Journalismus
in den letzten Jahren so manchen Skandal aufgedeckt und nehmen
ihre Rolle als “vierte Gewalt” durchaus ernst.
Als im Bankenskandal 1995/96 ruchbar wurde, dass Ministerpräsident
Slezevicius aufgrund von Insiderwissen seine Privatkonten kurz
vor dem Zusammenbruch einer der größten litauischen Banken geleert
hatte, erhob sich massiver öffentlicher Protest, dem der keineswegs
rücktrittswillige Ministerpräsident schließlich weichen musste
(*22*).
So überrascht es nicht, dass die Medien bei Umfragen von mehr
als 70 Prozent der Bevölkerung für vertrauenswürdig gehalten werden
und damit regelmäßig die Spitzenposition einnehmen (*23*).
Ein weiteres Problem, das die Öffentlichkeit bewegt, ist der massive
Anstieg der Kriminalität.
Neben dem sinkenden Lebensstandard halten die Litauer die Verbrechensbekämpfung
für die drängendste Frage (*24*).
Wurden 1988 noch 21337 Straftaten registriert, so betrug deren
Zahl 1996: 68053.
Die allgemein verbesserte Lage führte zwar auch im Bereich der
Kriminalität zu einem gewissen Rückgang (vor allem bei Schwerverbrechen),
doch bleibt die Situation bedenklich.
Hinzu kommt, dass ein besonders massiver Anstieg der Jugendkriminalität
zu beobachten ist: Fast die Hälfte der ermittelten Täter ist zwischen
14 und 24 Jahre alt.
Daneben sieht sich das unabhängige Litauen mit bislang unbekannten
Delikten wie der Wirtschaftskriminalität oder dem organisierten
Verbrechen konfrontiert (*25*).
Trotz aller Regierungsmaßnahmen ist es bislang nicht gelungen,
das Vertrauen der Bevölkerung in die innere Sicherheit wiederherzustellen
(*26*).
Zweifellos stellen die persönlichen Erfahrungen mit der Transformation
eine Belastung der Demokratie in Litauen dar.
Der Versuch, durch einen gradualistischen Systemwechsel soziale
Härten möglichst zu vermeiden, muss als gescheitert betrachtet
werden.
Die Zustimmungsraten zu einzelnen Bereichen des öffentlichen Lebens
machen dies deutlich: Parlament, Regierung und Präsident können
nur bei etwas mehr als einem Drittel der Bevölkerung auf Zustimmung
hoffen.
Den Justiz-, Finanz- und Sicherheitsbehörden stehen mehr als 80
Prozent der Litauer mit Vorbehalten gegenüber.
Dem Bankensystem trauen gar nur 5 Prozent der Bevölkerung (*27*).
So ist die Skepsis der Menschen gegenüber einer völligen Liberalisierung
der Wirtschaftsbeziehungen deutlich ausgeprägt: 57 Prozent glauben,
der Staat müsse die eigene Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz
schützen, und 44 Prozent sind der Meinung, auch die Regelung der
Arbeitsbeziehungen gehöre in den staatlichen Aufgabenbereich (*28*).
Aufgefangen werden diese Hypotheken derzeit noch durch die wiedergewonnene
Unabhängigkeit und die Erfahrungen während der 50-jährigen sowjetischen
Besatzung.
Die Eigenstaatlichkeit ist die unumstrittene Legitimation der
litauischen Republik: 60 Prozent der Litauer sind stolz auf die
historische Vergangenheit ihres Landes (*29*).
Die sich abzeichnende Konsolidierung muss allerdings politisch
gefestigt werden, um die Vorbehalte der Bevölkerung abzubauen
und den Lebensstandard der Menschen zu sichern und langfristig
zu heben.
Nur dann kann die litauische Demokratie nicht nur auf eine emotionale,
sondern auch auf rationale Zustimmung hoffen.
Die litauische Gesellschaft steht vor weiteren großen Wandlungen.
Das derzeit noch paternalistisch ausgerichtete Vertrauen auf den
Staat - verbunden mit einer paradoxen Geringschätzung staatlicher
Einrichtungen - verhindert Eigeninitiative und Eigenverantwortung.
Beispielhaft lässt sich das an der Steuermoral in Litauen belegen.
Selbst Unternehmen deklarieren ein weitaus niedrigeres Gehalt
ihrer Angestellten, als diese de facto erhalten.
Nebenbeschäftigungen, in Litauen weit verbreitet, werden grundsätzlich
nicht angegeben.
So entzieht sich ein breiter Bereich der Wirtschaftsleistungen
dem Fiskus, wobei eine stillschweigende Übereinkunft zwischen
allen Beteiligten herrscht.
Die Schattenwirtschaft wird inzwischen auf rund 18 Prozent der
gesamten Wirtschaftsleistung Litauens geschätzt (*30*).
Während das Verständnis von Rolle und Funktion des Staates noch
deutlich alte Vorstellungen aufweist, zeigen sich im demographischen
Bereich erste klare Anzeichen des Systemwandels.
Zwischen 1990 und 1996 ging die Zahl der Heiraten um 44 Prozent
zurück, immer mehr Partner verzichten auf den Trauschein, ein
zunehmender Teil der jungen Generation lebt als Single.
Heirateten während der Sowjetperiode viele Litauer in jungen Jahren,
was eine hohe Scheidungsrate (fast jede zweite Ehe wurde geschieden)
bedingte, so zeigt sich nun ein deutlicher Trend, später zu heiraten,
was offensichtlich auch zum Rückgang der Scheidungen und dem Sinken
der Geburtenrate beiträgt.
Diese Veränderungen weisen darauf hin, dass der traditionell patriarchalisch
geprägten litauischen Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten
große Umbrüche bevorstehen werden.
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(*11*)
Vgl. Lithuanian Human Development Report, ebd.
(*12*) Vgl. Thomas Bartusevicius, Die wirtschaftliche Entwicklung
in Litauen seit 1993, in: Litauisches Kulturinstitut (Hrsg.),
Jahrestagung 1995, Lampertheim 1996, S.103.
(*13*) Vgl. Lithuanian Human Development Report (Anm. 7), Kapitel
7.
(*14*) Vgl. ebd., Kapitel 3.4. Die Angaben stammen vom November
1996.
(*15*) Vgl. ebd., Kapitel 4.1. Nimmt man die versteckte Arbeitslosigkeit
hinzu, kann für 1997 von einer Arbeitslosenquote von 14 Prozent
ausgegangen werden.
(*16*) Vgl. J. Tauber (Anm. 9), S. 121.
(*17*) Der durchschnittliche Monatslohn lag im März bei 947
Litas, d.h. um 24 Prozent höher als im März des Vorjahres. Vgl.
den Bericht der litauischen Nachrichtenagentur ELTA vom 27.
April 1998, in: www.elta.lt.
(*18*) Vgl. Lithuanian Human Development (Anm. 7), Kapitel 7.
(*19*) ELTA (Anm. 17) vom 3. und 4. Februar 1998. Geplant war,
pro Minute sieben Centas zu verlangen.
(*20*) Vgl. ebd. vom 4. Februar 1998.
(*21*) 53 Prozent sind an politischen Fragen sehr interessiert
oder interessiert; vgl. Lithuanian Human Development (Anm. 7),
Kapitel 7.
(*22*) Vgl. J. Tauber (Anm. 9), S 117 f.
(*23*) Vgl. ELTA (Anm. 17) vom 27. November 1996
(*24*) 75 Prozent vertreten diese Meinung. Vgl. Lithuanian Human
Development (Anm. 7), Kapitel 7.
(*25*) Ausführlich dazu Ministry of Justice of the Republic
of Lithuania (Institute of Law) (Hrsg.), International Crime
Victim Survey in Lithuania. Final Report, Vilnius 1997, S. 14ff.
(*26*) Nur 21 Prozent halten die Polizei für vertrauenswürdig,
während 73 Prozent den Sicherheitsbehörden misstrauisch gegenüberstehen.
(Lithuanian Human Development Report 1997 [Anm. 7], Kapitel
7.)
(*27*) Vgl. ebd.
(*28*) Vgl. ebd. 43 Prozent sehen den Staat auch als Präzeptor
in Moralvorstellungen.
(*29*) Vgl. ebd.
(*30*) Vgl. ebd., Kapitel 2. |
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