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Das
politische System
Litauen ist eine parlamentarische Demokratie. Die Verfassung garantiert
die Menschenrechte, die Unabhängigkeit der Justiz, sichert nationalen
Minderheiten ihre Rechte, garantiert Glaubens-, Gewissens- und
Religionsfreiheit.
Das Parlament, der Seimas, wird auf vier Jahre gewählt; Parteien
der nationalen Minderheiten unterliegen nicht der Fünf-Prozent-Klausel.
Neben dem Seimas wird der Staatspräsident vom Volk gewählt, und
zwar für fünf Jahre.
Auch er besitzt Gesetzesinitiativrecht und schlägt dem Seimas
den Ministerpräsidenten vor.
Ein Spezifikum der litauischen Verfassung ist das Recht des Präsidenten,
das Parlament aufzulösen, das aber dadurch eingegrenzt wird, das
der neugewählte Seimas mit einer 3/5-Mehrheit neue Präsidentschaftswahlen
beschließen kann (Art. 87).
Bisher wurde von Art. 87 noch kein Gebrauch gemacht.
Die Stellung des Präsidenten gegenüber Parlament und Regierung
ist zwar stärker als beim rein repräsentativen deutschen Bundespräsidenten,
reicht aber weder an die des französischen Staatsoberhauptes noch
gar an die des amerikanischen Präsidenten heran.
Die stärkste Funktion des Amtes bezeichnet der Art. 84 der Verfassung,
denn der Präsident “... soll die Grundlagen außenpolitischer Fragen
festlegen und die Außenpolitik, zusammen mit der Regierung, durchführen”.
Diese “Richtlinienkompetenz” bedarf der immer neuen Austarierung
zwischen Staatsoberhaupt und Regierung, was bislang aber keine
Probleme aufwarf (*31*).
Die Wahlen zum Parlament brachten immer wieder Überraschungen.
Nachdem die litauischen Wähler im Februar 1990 Sajudis mit einer
breiten Mehrheit ausgestattet hatten und der damalige Parlamentspräsident
Vytautas Landsbergis zur Galionsfigur des litauischen Unabhängigkeitskampfes
geworden war, rechnete man für den Herbst 1992 eigentlich mit
einem Sieg der Landsbergis-Fraktion.
Statt dessen gelang der ehemaligen kommunistischen Partei, die
sich seit Dezember 1990 Demokratische Arbeitspartei Litauens nennt
(LDDP = Lietuvos demokratine darbo partija), ein erdrutschartiger
Wahlsieg.
Im Gegensatz zum konservativen Lager verfügte die LDDP über eine
entwickelte Infrastruktur auch in den ländlichen Gebieten, hatte
mit Algirdas Brazauskas einen überaus populären Parteivorsitzenden
und stand unzweifelhaft für ein unabhängiges Litauen.
Im Wahlkampf mahnte die LDDP einen sozial verträglicheren und
langsameren Systemwandel an, was bei vielen Wählern Zustimmung
fand.
Der Sieg der sozialdemokratisch orientierten Reformkommunisten
war deshalb auch keine Rückkehr zum sozialistischen System alter
Prägung.
Im Februar 1993 wurde Brazauskas dann folgerichtig mit 60 Prozent
der Stimmen zum litauischen Präsidenten gewählt (*32*).
Doch konnte die LDDP ihren großen Erfolg nicht in eine dauerhafte
Unterstützung umwandeln.
Zum einen war Brazauskas aufgrund seines Amtes zur Überparteilichkeit
verpflichtet und musste daher den Parteivorsitz abgeben und aus
der LDDP austreten, zum zweiten erschütterten immer wieder Skandale
Regierung und Partei, und zum dritten konnte die LDDP ihre Versprechungen
einer sozial verträglicheren Transformation nicht einlösen.
Die Verlangsamung der Reformen in manchen Schlüsselbereichen wie
etwa der Privatisierung wurde im Westen sehr kritisch beurteilt
(*33*), was aber zumindest teilweise auf die unsinnige Einschätzung
der LDDP als kommunistische Partei zurückzuführen ist.
Auch unter der LDDP wurde der Kurs nach Westen nicht verlassen,
über die prinzipielle innere und äußere Ordnung Litauens herrschte
und herrscht eine parteiübergreifende Übereinstimmung.
Die herbe Niederlage 1992 führte 1993 zur Gründung einer aus Sajudis
hervorgehenden konservativen Partei.
Die Vaterlandsunion/Konservative Litauens (TS/LK = Tevynes sajunga/
Lietuvos konservatoriai) verkörpert unter ihrem Parteivorsitzenden
Landsbergis noch prononcierter das national-konservative Lager
als die litauischen Christdemokraten (LKDP = Lietuvos krikscioniu
demokratu partija).
Das Wiedererstarken der Konservativen zeichnete sich bereits bei
den Kommunalwahlen im März 1995 ab und führte bei den Parlamentswahlen
am 20. Oktober 1996 zu einer katastrophalen Niederlage der LDDP.
Die Vaterlandsunion und die Christdemokraten bildeten eine Koalition,
die über eine breite Mehrheit verfügt.
Zum Ministerpräsidenten wurde Gediminas Vagnorius gewählt, der
das Amt bereits vom Januar 1991 bis Juli 1992 innehatte; Landsbergis
feierte ein Comeback als Parlamentspräsident.
Die Tabelle (siehe unten) zeigt das Ergebnis der Parlamentswahl
1996 für die wichtigsten Parteien und gibt zugleich Auskunft über
die litauische Parteienlandschaft.
Auffällig bleibt, dass die politische Mitte im Parteienspektrum
unterdurchschnittlich repräsentiert ist.
Dennoch hat sich in Litauen inzwischen ein ausdifferenziertes
Parteiensystem entwickelt, das derzeit keine Anfälligkeit für
extremistische Stimmungen zeigt.
Hierzu trug und trägt sicherlich bei, dass die bisherigen Regierungswechsel
die demokratische Ausrichtung der Parteien und politischen Eliten
eindrucksvoll belegten.
Das politische System hat seine ersten Bewährungsproben glänzend
bestanden.
Dies zeigte sich auch während der Präsidentschaftswahlen.
Lange war darüber gerätselt worden, ob der amtierende Präsident
Brazauskas, der bei Meinungsumfragen auch heute noch die höchste
Zustimmungsrate verzeichnen kann, eine Wiederwahl anstreben werde.
Brazauskas gab seinen Verzicht im Oktober 1997 bekannt und begründete
seine Entscheidung neben gesundheitlichen Gründen vor allem damit,
dass seine Person zu sehr mit der kommunistischen Vergangenheit
Litauens (seit 1988 war Brazauskas Chef der LKP) identifiziert
werde, es sei Zeit für eine neue, unbelastete Generation, das
Steuer in die Hand zu nehmen (*34*).
Schließlich kam es zu einer Stichwahl zwischen dem 44jährigen
Arturas Palauskas, der von den linken Kräften unterstützt wurde,
und dem 71jährigen Valdas Adamkus, der ursprünglich von der Zentrumsunion
nominiert worden war.
Bereits im ersten Wahlgang war Landsbergis, dessen guter Ruf im
Westen im krassen Gegensatz zu seiner Popularität in Litauen steht,
mit 16 Prozent der Stimmen ausgeschieden.
In einer äußerst knappen Entscheidung behielt Adamkus am 4. Januar
1998 mit 968032 Stimmen die Oberhand vor Palauskas (953775 Stimmen).
Adamkus selbst ist Exillitauer, seine Familie ging Ende des Zweiten
Weltkrieges in die USA.
Als früherer Chef einer dortigen Umweltbehörde verfügt der neue
Präsident über Erfahrungen im Verwaltungswesen und steht wegen
seiner Biographie für einen dezidiert westlichen Kurs (*35*).
Trotz des meist sachlichen und ruhigen Wahlkampfes betrug die
Wahlbeteiligung bei der Stichwahl mehr als 70 Prozent - eine Quote,
die zuletzt im Herbst 1992 erreicht worden war.
Zwischen 1992 und 1997 war die Wahlbeteiligung von 50 auf 40 Prozent
zurückgegangen, was sicherlich ein gewisses Indiz für die Stimmung
der Bevölkerung darstellt, andererseits aber auch nicht überinterpretiert
werden sollte.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass die politischen Institutionen
in Litauen fest verankert sind, Machtwechsel sich in demokratischer
Weise abspielen und die politische Elite fest zur demokratischen
Regierungsform steht.
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|
Partei
|
Stimmen
|
Sitze
inkl. Direktmandate
|
|
in
v.H.
|
1996
|
1992
|
 |
Tevynes
Sajunga/Lietuvos konservatoriai
Vaterlandsunion/Konservative Litauens |
29,8
|
70
|
-
|
Lietuvos
krikscioniu demokratu partija (LKDP)
Christdemokraten Litauens |
9,91
|
14
|
16
|
Lietuvos
demokratine darbo partija (LDDP)
Demokratische Arbeitspartei Litauens |
9,52
|
11
|
73
|
Lietuvos
centro sajunga
Zentrumsunion Litauens |
8,24
|
14
|
2
|
Lietuvos
socialdemokratu partija
Sozialdemokratische Partei Litauens |
6,60
|
10
|
8
|
Lietuvos
motermu partija
Frauenpartei Litauen |
3,67
|
1
|
-
|
Lietuvos
lenku rinkimmu akcija
Aktion der polnischen Wähler |
2,98
|
2
|
4
|
Lietuvos
liberalu sajunga
Bund der Liberalen Litauens |
1,84
|
3
|
0
|
Lietuvos
socialistu partija
Sozialistische Partei Litauens |
0,73
|
0
|
-
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Quelle:
Litauische Wahlkommission
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(*31*)
Zur Verfassung vgl. Zenonas Namavicius, Die Verfassung der Republik
Litauen. Verfassungsgeschichte, Menschenrechte, Staatsaufbau,
in: Litauisches Kulturinstitut (Hrsg.), Jahrestagung 1993, Lampertheim
1994, S.39 ff. Namavicius, seit 1993 litauischer Botschafter
in der Bundesrepublik, war selbst von den ersten Überlegungen
1988 bis zu den Beratungen der Verfassungskommission des Seimas
maßgeblich beteiligt.
(*32*) Vgl. J. Tauber (Anm. 9), S. 116 ff.; ders., Die Auseinandersetzung
mit der kommunistischen Vergangenheit in Litauen, in: Berichte
des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale
Studien, 28/1997.
(*33*) Vgl. FAZ Informationsdienste (Anm. 7), S. 20
(*34*) Vgl. Jo Ekscelencijos Lietuvos Respublikos Prezidento
Algirdo Brazausko kalba per Lietuvos televizija (Rede ihrer
Exzellenz, des Präsidenten der litauischen Republik Algirdas
Brazauskas im Fernsehen Litauens), 9. Oktober 1997, in: http://re.lrs.lt/
prezident/kalba.
(*35*) Eine erste Einschätzung bei Alfred Erich Senn, The 1998
Lithuanian Presidential Elektion, in: Analysis of Current Events,
10 (1998)2, S. 1 ff.
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