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NATO
und EU: Eckpfeiler der Außenpolitik
Die grundsätzliche außenpolitische Zielsetzung ist in Litauen
unumstritten: Man sucht die Integration in transatlantische und
europäische Strukturen.
Als erstes Land, das ehemals Teil der Sowjetunion gewesen war,
stellte Litauen am 4. Januar 1994 den Antrag auf Vollmitgliedschaft
in der NATO.
Präsident Brazauskas erklärte dazu bei seinem ersten offiziellen
Besuch in Brüssel am 27. Januar 1994: “Die Sicherheit und Stabilität
eines Landes sind unbedingte Voraussetzungen, damit eine Demokratie
und ein freier Markt funktionieren können.
Wir sind überzeugt, dass Litauens nationale Sicherheit ein untrennbarer
Bestandteil der europäischen Sicherheit als Ganzes ist.
Litauen kann seine Sicherheit allein nicht garantieren.
Wir meinen, dass die europäische und damit auch die litauische
Sicherheit nur durch die politische, wirtschaftliche und militärische
Integration der betroffenen Länder erreicht werden kann, wobei
die wichtigsten Institutionen einer solchen Integration die Europäische
Gemeinschaft und die NATO sind.”
Im Hintergrund des baltischen Strebens nach Sicherheit steht die
russische Politik, die sich immer wieder zu verbalen Angriffen
gegen die baltischen Staaten hinreißen lässt.
Brazauskas sprach das Problem in seiner Brüsseler Rede klar an:
“Rußlands Stellungnahmen über seine spezifischen Interessen und
sein außergewöhnlicher Anspruch, den Frieden in dem sogenannten
,nahen Ausland' und dem ehemaligen Gebiet der Sowjetunion aufrechterhalten
zu wollen, entsprechen nicht völlig dem Geist des Völkerrechts
oder der ,Partnerschaft für den Frieden'.
Verlautbarungen über spezifische russische Interessen in den baltischen
Staaten sind außergewöhnlich schwer zu verstehen, allein schon
deswegen, weil Litauen und die anderen baltischen Staaten niemals
ein rechtmäßiger Bestandteil der Sowjetunion waren.” (*36*)
Für Litauen stellt dabei nicht die russische Minderheit im Lande
das eigentliche Problem dar, sondern die russische Exklave Kaliningrad,
in der nach wie vor starke russische Militärkräfte konzentriert
sind (*37*).
Die Entscheidungen des Madrider NATO-Gipfels im Juli 1997 lösten
daher in Litauen - auch wenn offiziell Zurückhaltung geübt wurde
- Enttäuschung aus.
Lag die Zustimmungsquote zum NATO-Beitritt im Februar 1997 noch
bei 47,7 Prozent, so sank sie bereits kurz vor dem Gipfel, als
sich abzeichnete, dass die baltischen Staaten nicht in die erste
Runde der Beitrittsländer aufgenommen würden, auf 36,2 Prozent
(*38*).
Inzwischen setzt Litauen, das als zweites osteuropäisches Land
der “Partnerschaft für den Frieden” beitrat, bei seinen Bemühungen
neben den USA (*39*) und den skandinavischen Staaten auch auf
das neue NATO-Mitglied Polen.
Die litauisch-polnischen Beziehungen, die unmittelbar nach der
Unabhängigkeit Belastungen durch die jeweiligen Minderheiten in
den beiden Staaten und den historischen Streit um Vilnius ausgesetzt
waren, haben sich kontinuierlich verbessert.
Zum 80. Jahrestag der litauische Unabhängigkeitserklärung am 16.
Februar 1998 weilte der polnische Präsident Alexander Kwasniewski
als einziges ausländisches Staatsoberhaupt in Vilnius; den neugewählten
Präsidenten Adamkus führte seine erste Auslandsreise nach Warschau
(*40*).
Militärisch arbeiten die beiden Staaten inzwischen bei der Luftraumkontrolle
zusammen; geplant ist ein gemeinsames polnisch-litauisches Bataillon
für internationale Friedensmissionen (*41*).
Auch die EU wird vorerst keine Gespräche über einen Beitritt Litauens
beginnen; von den baItischen Staaten wurde nur Estland zu Beitrittsverhandlungen
aufgefordert.
Die litauische Regierung machte für die Entscheidung der EU-Kommission
zum einen veraltete Daten, auf denen die Entscheidung beruhe,
verantwortlich, deutete zum anderen aber auch relativ klar an,
dass die EU-Empfehlung nach politischen und nicht rein sachlichen
Kriterien gefällt worden sei.
Ende April 1998 reagierte die litauische Regierung scharf auf
Äußerungen des estnischen Präsidenten Lennart Meri, der gegenüber
polnischen Pressevertretern gesagt hatte, Estland werde, falls
die EU es fordere, eine Visumspflicht für lettische und litauische
Staatsbürger einführen, wenn Estland damit schneller in die Gemeinschaft
aufgenommen werde. In ihrer Stellungnahme wies die litauische
Regierung darauf hin, dass die Entscheidung der EU das Baltikum
spalte und damit innere und äußere Spannungen provoziere.
Zugleich wurde nochmals betont, dass die EU Beitrittsverhandlungen
mit Staaten beginne, deren Wirtschaftsdaten weit schwächer seien
als die Litauens (*42*).
Aus der Luft gegriffen sind diese Befürchtungen sicherlich nicht,
wie der Streit um die Telefontarife zeigte, als erstmals europakritische
Argumente unter der Bevölkerung Wirkung zeigten, indem behauptet
wurde, sowohl die Gebühren für Ortsgespräche als auch die Privatisierung
der Telefongesellschaft sei Teil der Angleichung an EU-Standards.
So hofft man in Litauen weiterhin auf klare Signale aus dem Westen;
Präsident Adamkus verpflichtete sich und sein Land bei seinem
ersten Auftritt vor dem NATO-Rat am 23. April 1998 mit deutlichen
Worten:
“I am here to reconfirm the principle aspiration of our state
and its people, which are: integration into the european and transatlantic
structures, political and economic cooperation and good neighbourly
relations.
During my term in office, I will make every effort to ensure that
Lithuania becomes a member of NATO and the EU.” (*43*)
["Ich bin hier um die grundlegenden Bestrebungen unseres Staates
und seiner Bevölkerung zu bekräftigen, die sind: Integration in
die europäischen und transatlantischen Strukturen, politische
und wirtschaftliche Zusammenarbeit und gute nachbarschaftliche
Beziehungen.
Während meiner Amtszeit werde ich mir Mühe geben um dafür zu sorgen,
dass Litauen ein Mitglied der NATO und der EU wird."]
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(*36*)
Zit. in: Joachim Tauber, Litauen und die NATO, in: Osteuropa
6 (1994), S. A 322 ff.
(*37*) Zur Problematik vgl. die vom Bundesinstitut für ostwissenschaftliche
und internationale Studien herausgegebenen Berichte Nr.17/1993
(Kaliningrad [Königsberg]. Eine russische Exklave in der baltischen
Region. Stand und Perspektiven aus europäischer Sicht); Nr.21/1993,
25/1993 (Dieter Bingen, Das Gebiet Kaliningrad [Königsberg]:
Bestandsaufnahmen und Perspektiven. Deutsche Ansichten I und
II).
(*38*) Vgl. ELTA (Anm. 17) vom 2. Juli 1997. Keine Meinung hatten
im Februar 29,6 Prozent und im Juli 33,6 Prozent der Befragten.
Die Zustimmung zum EU-Beitritt fiel (noch vor den Empfehlungen
der EU-Kommission) von fast 50 Prozent auf 40,2 Prozent.
(*39*) Vgl. etwa die Charter of Partnership among the United
States of America and the Republic of Estonia, the Republic
of Latvia and Republic of Lithuania, January 16, 1998, in: www.state.gov/
www/regions/eur.
(*40*) Vgl. ELTA (Anm. 17) vom 16. Februar 1998 und 1. April
1998.
(*41*) Vgl. ebd. vom 25. März 1998.
(*42*) Vgl. ebd. vom 30. April 1998.
(*43*) Address by H. E. Mr. Valdas Adamkus, President of the
Republic of Lithuania, Brussels, 23. April 1998, in: www.nato.int/docu/speech.
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