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Joachim Tauber
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Der
schwere Weg nach Westen: Litauen 1990-1998
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Geschichtlicher
Rückblick
Als einziges baltisches Land verfügt Litauen über eine historische
Staatlichkeit.
In seiner größten Ausdehnung umfasste das Großfürstentum Litauen
Gebiete zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer.
Die immer stärker werdende polnische Einflussnahme führte schließlich
zur Gründung des polnisch-litauischen Doppelstaates (Union von
Lublin 1569).
Damit war das Schicksal des Landes mit dem Polens verknüpft, so
dass Litauen im Gefolge der polnischen Teilungen zum Territorium
des Zarenreiches gehörte (*1*).
Der erst spät im 19. Jahrhundert entstandenen litauischen Nationalbewegung
galt das historische Großfürstentum als Legitimationsquelle der
eigenen Ansprüche.
Die Epoche nach der Union von Lublin wurde als Phase des Niederganges
verstanden, so dass die Abgrenzung gegenüber Polen das Selbstverständnis
der litauischen Intelligentia noch mehr als die teilweise scharfe
Russifizierungspolitik prägte.
Während des Ersten Weltkrieges besetzten deutsche Truppen im Herbst
1915 Litauen.
Von Beginn an war das Land Objekt der unterschiedlichen deutschen
politischen Zielsetzungen.
Die Bevölkerung litt unter der Besatzungsmacht, die die Ressourcen
des Landes ausplünderte, Männer in Arbeitsbataillone zwang und
obligatorisch bereits in der Grundschule den Deutschunterricht
einführte.
Erst 1917 vermochte die deutsche Politik in Litauen mehr als den
Teil eines zukünftigen polnischen Königreiches zu erkennen.
In Vilnius wurde die Gründung eines litauischen Landesrates gestattet,
in dem die Militärs allerdings nicht mehr als einen Erfüllungsgehilfen
der eigenen Pläne und ein willfähriges Instrument sahen.
Die Taryba, so die litauische Bezeichnung, sollte sich jedoch
rasch emanzipieren.
Während die Deutschen die indirekte Annexion Litauens planten,
strebten die litauischen Politiker nach einer wirklichen Unabhängigkeit.
Als Anfang 1918 die deutschen Pläne allzu offensichtlich wurden,
entschloss sich die Taryba zu einem symbolischen Schritt: Am 16.
Februar 1918 proklamierte sie die Unabhängigkeit.
Das zukünftige Staatswesen sollte auf demokratischer Basis aufgebaut
sein; einer frei gewählten Nationalversammlung blieb es jedoch
vorbehalten, die endgültige Staatsform zu entscheiden.
Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches im November 1918 machte
den Weg endgültig frei.
Zwar musste sich der junge Staat noch gegen deutsche Freikorps
sowie gegen die nach Westen marschierende Rote Armee und polnische
Truppen verteidigen, aber 1920 konnte die litauische Republik
als endgültig gesichert betrachtet werden.
Außenpolitisch war Litauen mit zwei Hypotheken belastet: Bereits
während der ersten Sitzungen der Taryba stand unumstößlich fest,
dass Vilnius die alte Metropole des Großfürstentums - auch die
Hauptstadt des neuen Staates werden sollte.
Doch Polen besetzte im Oktober 1920 handstreichartig die Stadt
und das umliegende Gebiet.
Damit wurden die historischen Vorbehalte der litauischen Politiker
gegen diesen Nachbarn durch die Gegenwart in eindeutiger Weise
bestätigt. Litauen weigerte sich, das polnische Vorgehen anzuerkennen
und beharrte auf seinen Ansprüchen auf Vilnius.
Es gab fast während der gesamten Zwischenkriegszeit keine diplomatischen
Beziehungen zwischen Litauen und Polen, der Konflikt um Vilnius
zerstörte jegliche Hoffnung auf ein gemeinsames Vorgehen der 1918/19
in Ostmitteleuropa entstandenen Staaten.
Die zweite territoriale Konfliktzone lag an der Grenze des Deutschen
Reiches.
Im Versailler Vertrag war das Memelgebiet von Deutschland abgetrennt
und alliierter Hoheit unterstellt worden.
In Ostpreußen lebte eine als Preußisch-Litauer oder Kleinlitauer
bezeichnete Minderheit, so dass Litauen sich den Anschluss des
Memelgebietes erhoffte.
Als sich diese Aspirationen auf diplomatischem Wege nicht zu erfüllen
schienen, wurde ein angeblich von Kleinlitauern durchgeführter
“Aufstand” im Memelgebiet inszeniert, um die Region unter eigene
Kontrolle zu bekommen.
Der Einmarsch im Januar 1923 schuf zwar vollendete Tatsachen,
doch musste Litauen der Entente einen besonderen Status des Gebiets
zugestehen (eigener Landtag, Zweisprachigkeit usw.).
Die deutsch bestimmte Führungsschicht des Memelgebietes verhinderte
in Zusammenarbeit mit der diplomatischen Vertretung des Reiches
in Memel und gestützt auf das Memelstatut, dass Litauen in der
Region wirklich Fuß fassen konnte (*2*).
Die litauische Außenpolitik befand sich in einem Teufelskreis.
Zum einen gehörte man in Vilnius zu den revisionistischen Mächten,
zum anderen vertrat man in Memel den durch Versailles geschaffenen
Status quo.
Dieser Widerspruch war unlösbar, verhinderte eine klar definierte
Zielsetzung und kulminierte Ende der dreißiger Jahre in der Katastrophe
der ersten Republik.
Drei Ultimaten besiegelten Litauens Schicksal: Im März 1938 nutzte
Polen einen Grenzzwischenfall, um Litauen endlich zur Aufnahme
diplomatischer Beziehungen zu zwingen, was mehr oder weniger als
Offenbarungseid in der Vilniusfrage zu verstehen war; im März
1939 erzwang das Deutsche Reich den litauischen Rückzug aus Memel,
und im Juni 1940 annektierte die Sowjetunion im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes
die drei baltischen Staaten.
Innenpolitisch hatte das Land bereits 1926 der Demokratie den
Rücken gekehrt.
Als eine links-liberale Regierung die bisherige christdemokratisch-konservative
Regierungskoalition ablöste und erste Schritte unternahm, den
Einfluss der katholischen Kirche einzudämmen, polnisch-sprachige
Minderheitenschulen einzurichten und politische Häftlinge (meist
Bolschewiki) zu amnestieren, putschten am 17. Dezember 1926 unter
stillschweigender Duldung der Konservativen Offiziere der Garnison
in Kaunas.
Unter Führung eines der bekanntesten Politiker Litauens, Antanas
Smetona, etablierte sich ein autoritäres Präsidialregime, das
bis Juni 1940 an der Macht bleiben sollte.
Die sowjetische Herrschaft, unterbrochen durch das nicht minder
entsetzliche Zwischenspiel der zweiten deutschen Besatzung (1941-1944),
sollte zum traumatischen Erlebnis der litauischen Gesellschaft
in diesem Jahrhundert werden.
Tausende wurden deportiert und im stalinistischen Gulag-System
ermordet. Bis ca. 1954 kämpften litauische Partisanen, die Waldbrüder,
in gnadenlosen Auseinandersetzungen gegen die Sowjets.
In Litauen gibt es keine Familie, die nicht Opfer der frühen Sowjetphase
zu beklagen hat.
Für das heutige litauische Selbstverständnis kommt diesen Ereignissen
verständlicherweise eine exzeptionelle Bedeutung zu.
Bis Ende der achtziger Jahre totgeschwiegen, genießen die Überlebenden
heute einen besonderen Status als Symbol des litauischen Freiheitskampfes.
Doch zeichnete sich bereits in den sechziger Jahren ein Trend
ab, der für die Wiedererringung der Unabhängigkeit große Bedeutung
besitzt.
Der Anteil der litauischsprachigen Mitglieder der Kommunistischen
Partei Litauens betrug konstant zwischen 70 und 80 Prozent (*3*).
Trotz der teilweise scharfen Kirchenpolitik und der periodisch
auftretenden Sowjetisierungsmaßnahmen verstanden sich große Teile
der KP als litauische Kommunisten.
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(*1*)
Vgl. Manfred Hellmann, Grundzüge der Geschichte Litauens und
des litauischen Volkes Darmstadt 1990.
(*2*) Vgl. dazu vor allem Vytautes ZaIys, Ringen um Identität.
Warum Litauen zwischen 1923 und 1939 im Memelgebiet keinen Erfolg
hatte (Kova del identiteto. Kodel Lietuvai nesiseke Klaipedoje
tarp 1923-1939m), Lüneburg 1993.
(*3*) Vgl. Alfred Erich Senn, Gorbachev's Failure in Lithuania,
New York 1985, S. 13. |
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