| |
|
 |
AKTUELLE
SITUATION
WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG
Der Versuch, die überdimensionierte sowjetische Planwirtschaft
in ein marktwirtschaftliches System umzuwandeln und dabei eine
gewisse soziale Stabilität zu sichern, scheiterte.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) brach ab 1992 völlig zusammen,
und die Inflationsraten schossen in schwindelerregende Höhen.
Das sozialpolitisch motivierte zögerliche Herangehen an die Privatisierung
der großen Staatsbetriebe in den frühen Neunzigerjahren konnte
den ökonomischen Zusammenbruch und die damit einhergehenden sozialen
Belastungen nicht verhindern.
Doch trotz dieser Reibungsverluste sind die volkswirtschaftlichen
Leistungen Litauens seit 1995 durchaus beeindruckend.
Inzwischen werden mehr als 70 Prozent des BIP im privaten Sektor
erwirtschaftet, und ebenfalls ca. 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung
sind im privatwirtschaftlichen Bereich angestellt.
Die seit 1995 klar erkennbare Konjunktur erlitt 1999 einen Einbruch,
als im Gefolge der Russlandkrise die litauischen Exportmärkte
wegbrachen.
Doch zeigte die Krise auch erstmals, dass sich inzwischen politische
und ökonomische Lenkungs- und Steuerkapazitäten herausgebildet
haben.
Politisch nahm die Regierung von der im ersten Moment geplanten,
wirtschaftlich kontraproduktiven Subventionierung der betroffenen
Unternehmen schnell Abstand und setzte den politischen Akzent
auf eine schnellere und effizientere Durchführung der noch ausstehenden
Struktur- und Sozialreformen.
Wirtschaftlich gelang es einem Teil der Unternehmen, neue Märkte
in Nord- und Westeuropa zu erschließen und damit die Folgen der
Krise nicht nur zu mildern, sondern auch langfristig die Abhängigkeit
vom russischen Markt abzubauen. (*7*)
Die Arbeitslosigkeit lag in dieser Phase konstant zwischen 13
und 14 Prozent, wobei die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die bei
ca. 20 Prozent lag, zu denken gab. (*8*)
Bislang hat der privatwirtschaftliche Sektor nur teilweise neue
Arbeitsplätze zur Verfügung stellen können, was zum einen damit
zusammenhängt, dass eine Nachfrage vor allem nach qualifizierten
Fachkräften besteht, zum anderen die Investitionen sich stark
auf technische Modernisierungen konzentrierten.
Dies führt in vielen Fällen zu einem durch Rationalisierung verursachten
Wegfall von Arbeitsplätzen.
Ein weiterhin vorhandenes Strukturproblem stellt der hohe Anteil
der Landwirtschaft sowohl beim BIP als auch bei der Beschäftigung
von Arbeitskräften dar.
In den letzten Jahren konnte Litauen jedoch eine der höchsten
Wachstumsraten in Osteuropa verzeichnen; allein im ersten Halbjahr
2003 betrug der reale Anstieg des BIP 7,7 Prozent (1. Halbjahr
2002: 5,5 Prozent).
Der nun schon geraume Zeit anhaltende wirtschaftliche Aufschwung
zeigt inzwischen seine positiven Auswirkungen bei allen ökonomischen
Kenndaten: Die Zahl der Arbeitslosen sinkt beständig (Juni 2003:
9,4 Prozent; Jugendarbeitslosigkeit: 14 Prozent) und ausländische
Direktinvestitionen nehmen weiter zu (pro Kopf der Bevölkerung
stiegen die Direktinvestitionen zwischen 1999 und 2003 von 532
auf 1148 Euro).
Prognosen gehen von einem konstanten hohen Anstieg des BIP in
den nächsten Jahren aus. (*9*)
SOZIALE ENTWICKLUNG
Nachdem ab 1990 der Grundstein für ein soziales Netz gelegt worden
war, wurde dies in den letzten Jahren fester geknüpft.
Trotz der engen haushaltspolitischen Spielräume hat die Regierung
vor allem die Arbeitslosenbeiträge und die Renten in den letzten
Jahren erhöht.
Das Sozialversicherungssystem deckt inzwischen die Renten, Krankheit
und Mutterschaft, Gesundheitsfürsorge, Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfälle
ab.
Die Dynamik der Transformation hat die sozialen Unterscheide innerhalb
der Bevölkerung vertieft und so viele Menschen in eine schwierige
Lebenssituation gebracht.
Dabei lassen sich klare geographische und demographische Verlaufslinien
aufzeigen, die mit den Einkommensverhältnissen korrespondieren.
Überdeutlich ist ein Stadt-Land-Gefälle zu erkennen: Während der
durchschnittliche Monatsverdienst im urbanen Umfeld bei 113,4
US-Dollar liegt, beträgt er in ländlichen Gegenden nur 84,1 US-Dollar.
Singles und kinderlose Ehepaare verfügen in der Regel über mehr
finanzielle Möglichkeiten als kinderreiche Familien; die Gehälter
im privaten Bereich sind deutlich höher als in der staatlichen
und kommunalen Verwaltung, und schließlich gelingt es den jüngeren
Altersgruppen deutlich besser, sich auf die Gegebenheiten und
Chancen einer marktwirtschaftlichen Demokratie einzustellen als
den vor 1955 Geborenen. (*10*)
Die ungleichmäßige soziale Verteilung der neuen Möglichkeiten
stellt ein zentrales Problem Litauens dar, das nur eine mittelfristige
Lösung finden kann, allerdings gibt der wirtschaftliche Aufschwung
Anlass zu einer positiven Prognose.
Hinzu kommt, dass die sowjetische Erfahrung ein tiefes Misstrauen
gegen jegliche staatliche Erscheinungsform und gesellschaftliches
Engagement hinterlassen hat.
Nur vor diesem historischen Hintergrund ist es verständlich, dass
lediglich zwischen acht und zehn Prozent der Arbeitnehmerschaft
gewerkschaftlich organisiert und die Zahl der Parteimitglieder
äußerst gering ist. (*11*)
Auch regelmäßig durchgeführte Umfragen belegen ein großes Misstrauen
gegenüber staatlichen Exekutivorganen wie Polizei und Verwaltung.
LITAUEN UND DIE EU
Die außenpolitische Zielsetzung der Republik Litauen ist seit
1990 auf eine Integration in die NATO (*12*) und die EU gerichtet,
wobei die prinzipielle Übereinstimmung der politischen Gruppierungen
und Eliten über die Regierungswechsel hinweg zu einer konstanten
Politik beitrug.
Für den baltischen Staat impliziert (Anm.: = schließt ... ein)
die grundsätzliche Entscheidung zur EU die teilweise Aufgabe souveräner
eigenstaatlicher Rechte, was vor dem Hintergrund der gerade errungenen
Unabhängigkeit auch psychologisch nicht ganz einfach ist.
Nachdem die EU 1997 eine Strategie für die Osterweiterung entwickelt
hatte und Beitrittsgespräche mit Litauen im März 2000 aufgenommen
wurden, erhielten die Verhandlungen eine neue Dynamik.
Im Dezember 2000 schuf der Europäische Rat in Nizza die Minimalvoraussetzungen
für den Beitritt der osteuropäischen Staaten.
Gemäß des Vertrages von Nizza wird Litauen im Falle der Aufnahme
mit zwölf Abgeordneten im Europäischen Parlament vertreten sein,
im Rat der Union sieben Stimmen besitzen und im Ausschuss der
Regionen sowie im Wirtschafts- und Sozialausschuss jeweils neun
Mitglieder stellen. (*13*)
Die Entscheidungen von Nizza wurden von den politischen Parteien
und der Presse in seltenen Einhelligkeit begrüßt. (*14*)
Nach dem Ausschluss der Beitrittsverhandlungen im Dezember 2002
sprach sich das litauische Volk in einem durch die Verfassung
vorgeschriebenen Referendum am 10. und 11. Mai 2003 mit einer
überraschend klaren Mehrheit (91 Prozent bei einer Wahlbeteiligung
von 63,3 Prozent) für den Beitritt zur EU aus.
Am 1. Mai 2004 wird das baltische Land nicht nur der EU, sondern
auch der NATO als vollwertiges Mitglied angehören.
|
 |
|
|
|
 |
(*7*)
Vgl. Regelmäßiger Bericht 2000 der Kommission über Litauens
Fortschritt auf dem Weg zum Beitritt, Brüssel 2000 (EU-Kommission),
S. 25 f.
(*8*) Ebd., S. 119
(*9*) Vgl. Lithuanian Human Development Report 1999 der United
Nations (UNHDR), S. 101 ff; die aktuellen Wirtschaftszahlen
nach www.ekm.lt/index.php/en/ (Stand: Februar 2004).
(*10*) Ebd., S. 73 ff
(*11*) Als mitgliederstärkster Partei gehören der Vaterlandsunion
/ Litauische Konservative rund 16500 Personen an.
(*12*) Auf die Frage des NATO-Beitrittes kann im Rahmen dieses
Beitrages nicht eingegangen werden. Vgl. als ersten Problemaufriss:
Linkevièius, Linkas: NATO and Lithuania: What is Blocking Entry
through an Open Door, in: Lithuanian Foreign Policy Review,
1 (1998), S. 47-61
(*13*) Vgl. Vertrag von Nizza, Brüssel 2000, http://europa.eu.int/eur-lex/de/
treaties/dat/nice_treaty.de.pdf
(*14*) Vgl. etwa die Schlagzeile der größten litauischen Tageszeitung
Lietuvos Rytas vom 12. Dezember 2000: "Ein Sieg Litauens im
Kampf der EU-Staaten".
|
|
 |
|
|
|
|